Der letzte Drehtag in Haiti ist beendet, die Arbeiten sind abgeschlossen. Eines meiner zuletzt gedrehten Bilder zeigt einen noch atemberaubenderen Blick über Port-au-Prince als den von der Terrasse des Hotel Montana. Versteckt am Ende einer kleinen Seitenstraße auf der 101 in Richtung Berge gibt es eine Aussichtsplattform, von der man das ganze Tal von Port-au-Prince überblicken kann. Der Präsidentenpalast ist von dort in der Ferne sichtbar. Ebenso die unzähligen Camps in der Stadt.

Copyright Daniel Lorenz
Bei dem Anblick der Ausmaße kann einem nur andeutungsweise klar werden, wie viel Kraft in dem Erdbeben vom 12.01.2010 gesteckt haben muss. Häuser sind binnen Sekunden zusammengestürzt, Berghänge abgerutscht, Hundertausende in die Obdachlosigkeit getrieben und über 230.000 Menschen wurden hier und in weiteren Landesteilen getötet. In den ersten Tagen nach dem Beben gab es nichts. Strom gab es kaum, Wasser auch nicht. Und das in einem Bereich, den man trotz der weiten Sicht von diesem Berg immer noch lange nicht vollständig überblicken kann. Unvorstellbar.
In dem Chaos der Tage nach dem Beben haben die Menschen mit blanken Händen versucht ihre Angehörigen, Freunde und Nachbarn aus den Trümmern zu retten. Manchmal erfolgreich – oft genug konnten nur Tote geborgen werden. Und noch immer liegen Leichen unter Trümmern begraben – oder das, was von ihnen nach all den Monaten übrig geblieben ist. Erlebnisse am Rande des physisch und psyschich erträglichen für die, die das Unglück erlebten.
Betroffen waren alle Bevölkerungsschichten. Eine Regierung, die bereits vor dem Erdbeben kaum im Sinne des Volkes gehandelt hat, war nicht mehr vorhanden. Personal der öffentlichen Verwaltung wurde getötet, ebenso wichtige Unterlagen zerstört. Auch aus diesem Grund sind die Zeltstädte noch so zahlreich vorhanden: die Eigentumsfragen sind allzu oft wegen fehlender Unterlagen nicht zu klären.
Bei einer Analphabetenrate von fast 50 % war es vor dem Beben schon ein Privileg, einer geregelten Arbeit nachgehen zu können. Verkäuferinnen, Handwerker oder Buchhalter wurden nach dem Beben oft arbeitslos, denn auch Geschäftsräume, Büros und Arbeitsplätze wurden zerstört. Oder aber der Arbeitgeber getötet, ganze Unternehmen vernichtet. Nach dem Beben war meist die eigene Existenz zerstört – wenn man halbwegs gesund das Erdbeben überlebt hat.
Besitzt man allerdings so richtig viel Geld in einem Land wie Haiti, waren die Chancen schon besser: die großen Villen und Häuser der Reichen hatten baulich manchmal eine etwas bessere Chance, dem Erdbeben standzuhalten als Häuser, die meist aus Kostengründen noch weniger dem aktuellen Bausachverstand entprachen. War dazu noch Geld im Ausland geparkt, blieb auch dieses erhalten. Mit genügend Geld kann man sich hier in Haiti, wie auch in der restlichen Welt, den Luxus relativ schnellen Wiederaufbaus leisten.
Aber auch der Wiederaufbau der Häuser gebirgt gefahren – trotz strengerer Bauvorschriften: immer noch ist die Qualität des Zements schlecht, Stahlarmierungen entsprechen einer mangelnden Qualität, die in Deutschland keinerlei Standards entsprechen. Auch bei der Verabreitung der Materialien werden meist keine bauphysikalischen Mindeststandards eingehalten und Fehler gemacht, so heisst es. Unter diesen Umständen werden wohl auch viele der Neubauten einem möglichen neuen starken Erdbeben kaum standhalten können.
Haiti galt schon vor dem Erdbeben als sogenannter “failed state”. Politisch wurde durch die Elite in den vergangenen Jahren nur in die eigene Tasche gewirtschaftet. Mit Gewalt versuchte man an der Macht zu bleiben. USA und Frankreich intervenierten hier und da, die MINUSTAH-Blauhelme versuchten noch größere Probleme in den Straßen Haitis zu verhindern – oft genug erfolglos.
Nach dem langen Wahlprozess der letzten Wochen gibt es einen Hauch von Hoffnung, dass der neue Präsident Martelly die Wende bringen wird. So richtig daran glauben scheinen nur die wenigstens.
Immer noch versuchen Staatengemeinschaft und internationale Hilfsorganisationen auf verschiedensten Wegen Ordnung in das Chaos zu bringen und die Bevölkerung in erträgliche Lebensumstände zu begleiten. Viele Organisationen machen scheinbar eine gute Arbeit. Genauso viele Organisationen nutzen die Gelegenheit schamlos aus, um unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe eher eigene Interessen zu verfolgen. Man hört von Missionierung durch große bekannte Institutionen und sieht so manches fragwürdige Hilfsprojekt.
Linda Polman hat im letzten Jahr das Buch “Die Mitleidsindustrie” veröffentlicht. Darin wird eindrucksvoll beschrieben, wie sehr manche Organisationen nur im Hinblick auf wirtschaftliche Interessen handeln. Oder fachlich nicht kompetent sind. Oder auch beides. Zwei Beispiele:
Besonders beliebt in Katastrophengebieten in der Dritten Welt ist die Bereitstellung von Wassertanks. Meist große schwarze Behälter werden auf Straßen abgesetzt, damit sich die lokale Bevölkerung dort mit Wasser versorgen kann.
Starten solche Aktionen, dürfen große Aufkleber mit dem Logo der jeweiligen Hilfsorganisationen nicht fehlen. Bildstark wird das Werbelogo an die Wassertanks geklebt um anschliessend per Foto in die Medien gebracht zu werden. Danach hat der Wassertank seine Hauptaufgabe für so manche Hilfsorganisation offenbar meist erfüllt. Aber auch eine Wassertankinstallation in einem Katastrophengebiet will gelernt sein: ein Fundament wird benötigt, damit der Tankboden nicht zerstört wird. Auch aus hygienischer Sicht ist es sinnvoll, einen Tank entsprechend baulich zu fixieren. Ein Wassertank mit Loch im Boden taugt höchstens als Werbeschild – das mag einigen Organisationen aber scheinbar auszureichen.
In einem Flüchtlingscamp in Uganda staunte ich nicht schlecht, als ich mitten in der Savanne eine Reihe von Dixie-Toiletten zu sehen bekam. Ein Mitglied des ortsansässigen Kommitees erzählte mir, dass wenige Tage zuvor ein Lastwagen im Camp auftauchte – gefolgt von Delegierten einer kirchlichen Hilfsorganisation und von Pressevertretern. Die Toilettenkabinen wurden eiligst aufgestellt (die Logos der Organisation klebten praktischerweise bereits bei Anlieferung großflächig auf allen vier Seiten) und es wurden fleissig Fotos geschossen. Danach reiste die Gruppe wieder ab. Nach wenigen Tagen waren die Behälter der Toiletten voll und niemandem im Camp wurde erklärt, wie man diese auf hygienischem Wege entleert. Hauptsache, die Fotos waren schön.
Solcherart dreiste Projekte lassen sich hier in Port-au-Prince auch mit Leichtigkeit entdecken. Ebenso klagten viele Haitianer darüber, dass viele Organisationen viel versprechen, aber nur wenig tun: Delegationen tauchen in den Camps auf, sagen Hilfe zu und bleiben dann verschwunden. Organisatorische Gründe mag es viele geben, nicht immer alles versprochene halten zu können. Nur scheint ein sensibler Umgang mit Menschen, die nichts mehr haben, auch nicht immer vorhanden zu sein. Ein Umstand, der den Armen und meist Hilflosen den letzten Rest von Hoffnung und Vertrauen nimmt.
Trotzdem gibt es natürlich auch eine Menge sinnvoller und effektiver Hilfsmaßnahmen.
Man kann den Haitianern nur wünschen, dass es Bergauf geht. Vielleicht hilft dabei auch der politische Wechsel unter neuer Führung. Die nächsten Jahre werden es zeigen.
Tschüss Haiti, wir sehen uns wieder !