Serbien: Belgrad. Mission beendet!

Posted: 30th Mai 2011 by Daniel Lorenz in Uncategorized

Die nur zwei Arbeitstage andauernde Serbienreise wegen der Festnahme Mladics ist im Grunde ein gutes Beispiel für den sogenannten “Parachute-Journalism”: Der Fallschirmspringer springt aus dem Flugzeug, landet möglichst wohlbehalten & rafft seinen Fallschirm zusammen. Dann wartet er darauf abgeholt zu werden. In dieser Zeit hat der Fallschirmspringer Gelegenheit sich die Gegend anzuschauen.

Manchmal ergeht es Journalisten nicht anders als den Fallschirmspringern, auch wenn zugegebenermaßen die Zeit am Boden etwas länger ausfällt. Trotzdem: aktuelle Berichterstattung ist ein schnelles Geschäft. In dieser Zeit ist es Aufgabe schnellstmöglich die wichtigen Informationen zusammenzutragen und für die Nachrichten aufzuarbeiten.

Diese Art des Fallschirmjournalismus wird oft kritisiert. Aus pragmatischer Sicht muss es auch diese Form der Berichterstattung geben. Es gibt einfach Situationen, in denen eine Intensivrecherche vorab und vor Ort nicht möglich ist. Bei manchen Themen ist dies auch nicht zwingend notwendig, möchte man nur von aktuellen Dingen von wo auch immer berichten. Journalistische Sorgfaltspflicht ist aber selbst bei solchen Aktionen oberstes Gebot!

Mein persönliches Problem bei generell fast allen Reisen ist, dass mir die Zeit “im Feld” grundsätzlich zu kurz ist – es braucht Zeit vor Ort, um Zusammenhänge und komplexe ethnische oder politische Situationen zu verstehen oder einen wirklich repräsentativen Einblick in die komplexen Themenlagen zu bekommen. Es ist natürlich klar, dass der eigentliche Auftrag vor den persönlichen Vorlieben steht.

Einer Rückkehr nach Serbien, mit dann zwischenzeitlich intensiverem Wissen über diese Region, steht nichts im Wege. Die politische Zukunft wird in den nächsten Monaten und Jahren noch genug Stoff für Nachrichten und Geschichten liefern, soviel scheint sicher!

Ihr

Daniel Lorenz

Serbien: Belgrad. Tag 2

Posted: 29th Mai 2011 by Daniel Lorenz in Uncategorized

Für Fernsehjournalisten gehört Hektik meist zum Alltag. Besonders in der aktuellen Berichterstattung gilt es viel zu organisieren, Termine unter einen Hut zu bekommen, auf unterschiedliche Nachrichtenlagen zu reagieren und dabei die Geschichte, die man abliefern möchte, im Auge zu behalten.

Es gibt aber auch andere Tage. Da wartet man auf Telefonanrufe in der Hoffnung auf neue Informationen oder auf Nachricht, dass gewünschte Interviewpartner ihr OK geben. Weil man in der unmittelbaren Nähe bleiben muss ist man derweil zur Unproduktivität verdammt. Ein solcher Tag war heute. Es blieb Zeit für intensive Gespräche mit Serben in einem Cafe.

Boris Tadic, der derzeitige Präsident der Republik Serbien, ist pro-westlicher Demokrat. Er befürwortet den Beitritt Serbiens in die EU. Durch die Verhaftung Mladics könnte eine der vielen Hürden für einen Beitritt in die EU beseitigt sein. “Wir sind wunderbare Nachbarn. Wir sind gastfreundlich, wir sind gute Unterstützer, wir tun alles für unsere Gäste. Wir Serben sind auch wunderbare Gäste, wenn uns jemand aufnimmt – aber uns lässt man besser nicht in die EU. Dazu sind wir noch lange nicht bereit”, so eine Journalistin.

Im nächsten Jahr sind Präsidentschaftswahlen. Die Zeit wird eng für Tadic. Ergebnisse müssen her um an der Macht zu bleiben. Es gibt Stimmen in Serbien die behaupten, dass die Verhaftung Mladics zum spätmöglichsten Zeitpunkt inszeniert wurde, um Zweifel für den EU-Beitritt zu beseitigen. Doch die Republik Serbien hat noch mehr Hürden zu meistern, als den Fall Mladic: Die Anerkennung der Republik Kosovo, dessen völkerrechtlicher Status drei Jahre nach Gründung immer noch umstritten ist. Eine Anerkennung des Kosovo als eigenständiger Staat gilt in Serbien als unmöglich. Zu tief verwurzelt sind die Spannungen, die sich in jüngster und älterer Geschichte aufgebaut haben. Ausserdem sagt man der  Regierung im Kosovo nach, dass sie in kriminelle Geschäfte verwickelt sei: Dem BND liegen Erkenntnisse über Netzwerke organisierter Kriminalität vor, in denen auch Kosovos Premierminister Hashim Thaçi eine tragende und unrühmliche Rolle spielen soll.

Eine einfache und schnelle Lösung des Falls Kosovo ist lange nicht in Sicht. Der EU-Beitritt Serbiens wird wohl nicht so schnell vonstatten gehen, wie es Tadic und seine Gefolgsleute dem Volk Glauben zu machen versuchen, so hört man.
In den Gesprächen in dem Cafe unweit des zentralen Busbahnhofes ist man sich einig, dass auf internationalem Parkett mit zweierlei Maß gemessen wird: einerseits wird geduldet, dass im Kosovo Kriminelle als Staatsträger anerkannt werden, die sich mutmasslich auch an Kriegsverbrechen beteiligt haben – andererseits Mladic über 16 Jahre lang gejagd und kürzlich festgenommen wurde. Verbrecher gibt es viele auf dem Balkan, gejagd würden aber nur die serbischen Verbrecher.

Die Meinungen über Mladic sind scheinbar vielfältig: Die nationalistischen Serben verehren ihn als Helden. Die gemäßigten als einen Führer alter Tage, der Gutes für Serbien zu tun versuchte, dabei aber über die Strenge geschlagen hat. Dann gibt es die Serben, denen ist Mladics Festnahme schlichtweg egal. Scheinbar für alle aber gilt Mladic als Symbol einer Ungleichbehandlung aller Täter aus den Balkankriegen der 90er.

“Sollte sich die These bewahrheiten, dass Präsident Tadic Mladic für eine Chance auf den EU-Beitritt geopfert hat, wird eine Wiederwahl für Tadic im nächsten Jahr fast unmöglich”, so ein Cafebesucher.
Liest man Presseberichte der letzten Jahre, fällt es wirklich schwer daran zu glauben, dass kein politisches Kalkül hinter der Verhaftung Mladics zum jetzigen Zeitpunkt steckt. Immer wieder sollen Verstecke und Aufenthaltsorte bekannt gewesen sein. Die internationale Gemeinschaft übte oftmals Kritik an den unbemühten Ermittlungen der letzten Jahren durch serbiens Regierung.
Ob es eine Musterlösung geben könnte für Serbien, fragte ich. Ratlose Gesichter gab es zur Antwort. Mladic als kommunistischer Führer wäre keine langfristige Option gewesen für Serbien: zu unbedeutend und kein Politiker. Tadic sei zu demokratisch und allzu sehr auf Wirtschaftsbeziehungen bedacht. Der Titoismus vergangener Tage war wohl auch keine Lösung.
Ein starker Führer müsse her, der dem serbischen Volk einen guten Weg zeigen müsse. Eine Demokratie im westlichen Sinne sei noch nicht mal unbedingt nötig. Eine EU-Mitgliedschaft sei sinnfrei und nicht sonderlich erstrebenswert. Von der Zustimmung eines EU-Beitritts unserer Gesprächspartner von gestern war hier kaum eine Spur. Die Kultur Serbiens sein eine völlig andere, als die in den anderen europäischen Ländern. Auch an einen wirtschaftlichen Wohlstand nach einem Beitritt glauben nur wenige: zu hoch sei die Korruption in dem Land. Von den hunderten Millionen Euro die das Ausland bereits als Subventionen in den letzten Jahren an die Belgrader Regierung überwiesen hätten, sei nur wenig beim Volk angekommen.

“Wie war das Leben in Zeiten des UN-Embargos im Vergleich zu heute?”, fragte ich. “Besser!”, so die Antwort. In Serbiens Supermärkten waren die Regale zwar leer, aber man konnte fast alles kaufen. Ein strukturierter Schwarzhandel entstand. Die meisten hatten dadurch gute Einkommen. “Der Immobilienmarkt florierte in diesen Zeiten”, so die Journalistin. Heute gibt es zwar eine reiche Elite, aber die Zahl der Arbeitslosen ist hoch, das Leben teuer, Frust steigt auf.

Die Vielfalt der Probleme auf dem Balkan sind für Aussenstehende nur schwer zu begreifen. Durch diese Vielfalt der Probleme gibt es ebenso viele Meinungen und Ansichten.  Schon gar nicht, wenn man als sogenannter “Fallschirmjournalist” in eine fremde Kultur geworfen wird, ohne sich tiefgründig einarbeiten zu können. Eine Kehrseite  der aktuellen Berichterstattung zugegebenermaßen.
Es waren spannende Stunden in dem Cafe. Um so einige Erkenntnisse reicher brachen wir Abend unverrichteter Dinge wieder auf in Richtung Hotel. Unser erhofftes Interview haben wir nicht bekommen – dafür aber interessante Einblicke in das Leben und die Meinungen einiger Serben in dem Cafe im Zentrum Belgrads.

Serbien: Belgrad/Lazarevo. Tag 1

Posted: 28th Mai 2011 by Daniel Lorenz in Uncategorized

Und tatsächlich: ich kann schneller von Kleidern berichten, als ich dachte. Von teuren Kleidern, von Designerkleidern und dem passenden Schmuck dazu. Weil natürlich wieder Kleinigkeiten bei der übernommenen Ausrüstung fehlten führte die erste Tour des Tages in einen Elektronikladen – so zumindest war es geplant. Man empfahl uns eine Shoppingmall.

Dort gab es scheinbar nichts, was es bei uns nicht auch in den etablierteren der Malls an Labels für teure Bekleidungen geben würde. Keine Spur von dem grauen Schleier, der sich in Gedanken an ehemalige Ostblockländer auch heute noch geprägt von Vorurteilen und Erinnerungen vor mein geistiges Auge legt. Junge Menschen flanierten durch die Etagen, vorbei an aufwendig dekorierten Schaufenstern. Vielleicht sind das die Anzeichen des demokratischen Wandels der  letzten Jahre in Serbien. Für diese Geschäfte scheint sich die frühe Öffnungszeit von 9:00 Uhr zu lohnen. Für den Elektronikmarkt, in dem wir uns austatten wollten, scheinbar nicht. 10:00 Uhr war zu spät für unseren Zeitplan. Wir mussten weiter – Richtung Lazarevo.

Am Tag zuvor wurde in dieser kleinen Stadt der “Schlächter von Srebrenica”, Ratko Mladić, angeblich verhaftet. Am gleichen Abend machte ein betrunkener Mob Jagd auf Journalisten, die vor dem Haus von der Festnahme berichten wollten. Was uns erwartet, wissen wir nicht.

Ein Aufkleber ziert das Ortsschild mit der Aufschrift “Lazarevo – Held Mladic, möge Gott Dich beschützen”. “Ohne Mladic sind wir Serben nichts mehr”, sagen die Leute auf der Straße am Freitag, einen Tag nach der Verhaftung. Gesehen habe man Mladic nicht. Auch wusste man nicht, dass er sich hier versteckt haben soll. Die Stimmung ist angespannt. Journalisten, die berichten wollen, stellen angeblich die falschen Fragen. Wer als Journalist eine imaginäre Linie vor dem Haus der Festnahme überschreiten, wird von Polizei und Nachbarn lautstark hinter diese zurück gedrängt. Der eigentliche Auftrag der Polizisten ist der Schutz der Journalisten vor wütenden Anwohnern – nicht der Schutz des Grundstücks von Mladics Familie, die ihn dort versteckt haben soll.

Lazarevo

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Im Ort spielen sich illustre Szenen ab. Soviel war wahrscheinlich noch nie los hier. Stative, Mikrofone überall. Dort, wo sonst Traktoren und Heuwagen das Straßenbild prägen, ist nun Hightech verbreitet. Auch wir überspielen mit unserem Schnittlaptop und einer kleinen Satelitten-Sende-Anlage Material für die Nachrichten nach Deutschland. Nebenan steht in alter Yugo, eine verbreitete Automarke auf dem Balkan. Ein starker Kontrast.

Übertragung Lazarevo

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Kontrastreich sind auch die politischen Einstellungen: in Belgrad ist der demokratische Wandel spürbar, Straßen, Leuchtreklamen und Gebäude zeigen westlich orientierten Charme. Politisch gibt man sich meist gemäßigt: viele scheinen es satt zu sein ständig über ein nationalistisches Großserbien zu diskutieren – für das Mladic steht oder gestanden hat.

In Lazarevo ist das anders: die USA und andere Länder interessieren sich nur für die ökonomische Ausbeutung und wirtschaftliche Interessen, wird erzählt. Andere Bevölkerungsgruppen EX-Jugoslawiens mag man hier schon mal gar nicht. Ein Kamerateam aus Kroatien mit einem Fahrzeug mit kroatischer Registrierung fühlt sich hier nicht sicher aus Angst vor Übergriffen. Allzu groß sind Hass und Vorurteile zwischen Serben und Kroaten. Für nationalistische Serben sind überhaupt viele andere böse und es wert gehasst zu werden. Einig scheinen sich hier die meisten Anwohner zu sein: Mladics Aufenthalt in Lazarevo wäre niemals verraten worden. “Held Mladic” wäre also beschützt worden. Wenn schon nicht von Gott, dann wenigstens von Nachbarn. Aber es wusste ja angeblich niemand etwas.

Mladic sitzt unterdessen in einem Belgrader Gefängnis, ist angeblich zu krank um den Verhören zu folgen und wünscht sich ein TV-Gerät in seine Gefängniszelle. In wenigen Tagen schon wird  er voraussichtlich nach Den Hague überstellt werden.  Für Serbien bedeutet die Verhaftung Mladics möglicherweise eine gute Verhandlungsbasis für einen EU-Beitritt.

Die moderne Gesellschaft Serbiens würde, so der bisherige Tenor aus Gesprächen hier vor Ort, einen EU-Beitritt begrüßen. Der demokratische Wandel wäre dann weitestgehend abgeschlossen – die Zeiten sozialer Unruhen beendet, so der Gedanke dahinter. Die nationalistischen Serben hingegen, wie es viele Menschen in Lazarevo zu sein scheinen, haben da andere Vorstellung für die Zukunft Serbiens.

Für morgen sind Demonstrationen angesagt. Es bleibt zu hoffen, dass diese gewaltfrei verlaufen werden.

Serbien: Belgrad. Ein Reisebericht

Posted: 27th Mai 2011 by Daniel Lorenz in Uncategorized

Manchmal muss es schnell gehen. Das Telefon klingelt – und ehe man sich versieht, sitzt man im Flieger.

In diesem Fall sogar in zwei Fliegern. Aber immerhin in beiden in der vordersten Reihe. Beim Flug von Berlin nach Frankfurt war eine Ex-Ministerin mit rotgefärbtem Schopf zu beobachten. Die arme Stewardess kam mir vor wie eine Pflegerin im Altersheim. Die Rotgefärbte wie eine frustrierte ältere Dame, die es sich zum Hobby gemacht hat ihr Umfeld zu tyrannisieren.

“Kleider machen Leute”, von wegen!

Auf dem Weiterflug von Frankfurt gab es keine Zwischenfälle, weder Rotgefärbte, noch andere.
Unser Ziel: Belgrad im schönen Serbien. Es gilt in den nächsten Tagen auf  Mladics Spuren zu wandeln.

Ich werde berichten. Von Land. Von Leuten. Und vielleicht auch von Kleidern.

Haiti. Tag 7. Letzter Drehtag

Posted: 9th Mai 2011 by Daniel Lorenz in Uncategorized

Der letzte Drehtag in Haiti ist beendet, die Arbeiten sind abgeschlossen. Eines meiner zuletzt gedrehten Bilder zeigt einen noch atemberaubenderen Blick über Port-au-Prince als den von der Terrasse des Hotel Montana. Versteckt am Ende einer kleinen Seitenstraße auf der 101 in Richtung Berge gibt es eine Aussichtsplattform, von der man das ganze Tal von Port-au-Prince überblicken kann. Der Präsidentenpalast ist von dort in der Ferne sichtbar. Ebenso die unzähligen Camps in der Stadt.

Copyright Daniel Lorenz

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Bei dem Anblick der Ausmaße  kann einem nur andeutungsweise klar werden, wie viel Kraft in dem Erdbeben vom 12.01.2010 gesteckt haben muss. Häuser sind binnen Sekunden zusammengestürzt, Berghänge abgerutscht, Hundertausende in die Obdachlosigkeit getrieben und über 230.000 Menschen wurden hier und in weiteren Landesteilen getötet. In den ersten Tagen nach dem Beben gab es nichts. Strom gab es kaum, Wasser auch nicht. Und das in einem Bereich, den man trotz der weiten Sicht von diesem Berg immer noch lange nicht vollständig überblicken kann. Unvorstellbar.

In dem Chaos der Tage nach dem Beben haben die Menschen mit blanken Händen versucht ihre Angehörigen, Freunde und Nachbarn aus den Trümmern zu retten. Manchmal erfolgreich – oft genug konnten nur Tote geborgen werden. Und noch immer liegen Leichen unter Trümmern begraben – oder das, was von ihnen nach all den Monaten übrig geblieben ist. Erlebnisse am Rande des physisch und psyschich erträglichen für die, die das Unglück erlebten.

Betroffen waren alle Bevölkerungsschichten. Eine Regierung, die bereits vor dem Erdbeben kaum im Sinne des Volkes gehandelt hat, war nicht mehr vorhanden. Personal der öffentlichen Verwaltung wurde getötet, ebenso wichtige Unterlagen zerstört. Auch aus diesem Grund sind die Zeltstädte noch so zahlreich vorhanden: die Eigentumsfragen sind allzu oft wegen fehlender Unterlagen nicht zu klären.

Bei einer Analphabetenrate von fast 50 % war es vor dem Beben schon ein Privileg, einer geregelten Arbeit nachgehen zu können. Verkäuferinnen, Handwerker oder Buchhalter wurden nach dem Beben oft arbeitslos, denn auch Geschäftsräume, Büros und Arbeitsplätze wurden zerstört. Oder aber der Arbeitgeber getötet, ganze Unternehmen vernichtet. Nach dem Beben war meist die eigene Existenz zerstört – wenn man halbwegs gesund das Erdbeben überlebt hat.

Besitzt man allerdings so richtig viel Geld in einem Land wie Haiti, waren die Chancen schon besser: die großen Villen und Häuser der Reichen hatten baulich manchmal eine etwas bessere Chance, dem Erdbeben standzuhalten als Häuser, die meist aus Kostengründen noch weniger dem aktuellen Bausachverstand entprachen. War dazu noch Geld im Ausland geparkt, blieb auch dieses erhalten. Mit genügend Geld kann man sich hier in Haiti, wie auch in der restlichen Welt, den Luxus relativ schnellen Wiederaufbaus leisten.

Aber auch der Wiederaufbau der Häuser gebirgt gefahren – trotz strengerer Bauvorschriften: immer noch ist die Qualität des Zements schlecht, Stahlarmierungen entsprechen einer mangelnden Qualität, die in Deutschland keinerlei Standards entsprechen. Auch bei der Verabreitung der Materialien werden meist keine bauphysikalischen Mindeststandards eingehalten und Fehler gemacht, so heisst es. Unter diesen Umständen werden wohl auch viele der Neubauten einem möglichen neuen starken Erdbeben kaum standhalten können.

Haiti galt schon vor dem Erdbeben als sogenannter “failed state”. Politisch wurde durch die Elite in den vergangenen Jahren nur in die eigene Tasche gewirtschaftet. Mit Gewalt versuchte man an der Macht zu bleiben. USA und Frankreich intervenierten hier und da, die MINUSTAH-Blauhelme versuchten noch größere Probleme in den Straßen Haitis zu verhindern – oft genug erfolglos.
Nach dem langen Wahlprozess der letzten Wochen gibt es einen Hauch von Hoffnung, dass der neue Präsident Martelly die Wende bringen wird. So richtig daran glauben scheinen nur die wenigstens.

Immer noch versuchen Staatengemeinschaft und internationale Hilfsorganisationen auf verschiedensten Wegen Ordnung in das Chaos zu bringen und die Bevölkerung in erträgliche Lebensumstände zu begleiten. Viele Organisationen machen scheinbar eine gute Arbeit. Genauso viele Organisationen nutzen die Gelegenheit schamlos aus, um unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe eher eigene Interessen zu verfolgen. Man hört von Missionierung durch große bekannte Institutionen und sieht so manches fragwürdige Hilfsprojekt.

Linda Polman hat im letzten Jahr das Buch “Die Mitleidsindustrie” veröffentlicht. Darin wird eindrucksvoll beschrieben, wie sehr manche Organisationen nur im Hinblick auf wirtschaftliche Interessen handeln. Oder fachlich nicht kompetent sind. Oder auch beides. Zwei Beispiele:

Besonders beliebt in Katastrophengebieten in der Dritten Welt ist die Bereitstellung von Wassertanks. Meist große schwarze Behälter werden auf Straßen abgesetzt, damit sich die lokale Bevölkerung dort mit Wasser versorgen kann.
Starten solche Aktionen, dürfen große Aufkleber mit dem Logo der jeweiligen Hilfsorganisationen nicht fehlen. Bildstark wird das Werbelogo an die Wassertanks geklebt um anschliessend per Foto in die Medien gebracht zu werden. Danach hat der Wassertank seine Hauptaufgabe für so manche Hilfsorganisation offenbar meist erfüllt. Aber auch eine Wassertankinstallation in einem Katastrophengebiet will gelernt sein: ein Fundament wird benötigt, damit der Tankboden nicht zerstört wird. Auch aus hygienischer Sicht ist es sinnvoll, einen Tank entsprechend baulich zu fixieren. Ein Wassertank mit Loch im Boden taugt höchstens als Werbeschild – das mag einigen Organisationen aber scheinbar auszureichen.

In einem Flüchtlingscamp in Uganda staunte ich nicht schlecht, als ich mitten in der Savanne eine Reihe von Dixie-Toiletten zu sehen bekam. Ein Mitglied des ortsansässigen Kommitees erzählte mir, dass wenige Tage zuvor ein Lastwagen im Camp auftauchte – gefolgt von Delegierten einer kirchlichen Hilfsorganisation und von Pressevertretern. Die Toilettenkabinen wurden eiligst aufgestellt (die Logos der Organisation klebten praktischerweise bereits bei Anlieferung großflächig auf allen vier Seiten) und es wurden fleissig Fotos geschossen. Danach reiste die Gruppe wieder ab. Nach wenigen Tagen waren die Behälter der Toiletten voll und niemandem im Camp wurde erklärt, wie man diese auf hygienischem Wege entleert. Hauptsache, die Fotos waren schön.

Solcherart dreiste Projekte lassen sich hier in Port-au-Prince auch mit Leichtigkeit entdecken. Ebenso klagten viele Haitianer darüber, dass viele Organisationen viel versprechen, aber nur wenig tun: Delegationen tauchen in den Camps auf, sagen Hilfe zu und bleiben dann verschwunden. Organisatorische Gründe mag es viele geben, nicht immer alles versprochene halten zu können. Nur scheint ein sensibler Umgang mit Menschen, die nichts mehr haben, auch nicht immer vorhanden zu sein. Ein Umstand, der den Armen und meist Hilflosen den letzten Rest von Hoffnung und Vertrauen nimmt.

Trotzdem gibt es natürlich auch eine Menge sinnvoller und effektiver Hilfsmaßnahmen.

Man kann den Haitianern nur wünschen, dass es Bergauf geht. Vielleicht hilft dabei auch der politische Wechsel unter neuer Führung. Die nächsten Jahre werden es zeigen.

Tschüss Haiti, wir sehen uns wieder !

Haiti. Tag 6

Posted: 8th Mai 2011 by Daniel Lorenz in Uncategorized

Am Erscheinungsbild des Präsidentenpalastes hat sich nichts geändert. Genauso wie an Tag 1 nach dem Erdbeben steht er immer noch da. Zerstört und nicht nutzbar.

Auf der Rasenfläche vor dem Mitteltrakt zimmern Handwerker eifrig eine Tribüne zusammen. Vermutlich um dort am 14.05.2011 die Ernennung “Ted Kales” zum Präsidenten zu feiern.
Reges Treiben jenseits der Mauern des Palastgeländes:  die Dichte der Camps ist hier höher als an anderen Stellen Haitis, das Erdbeben wütete in diesem Stadtteil mehr als in anderen. Tausende Menschen flanieren herum und warten vermutlich auf Veränderung und bessere Zeiten. Man sieht brasilienische Blauhelmsoldaten, die Fotos vom Palast machen – scheinbar fürs private Fotoalbum.

Die Menschen hier wirken anders als in den anderen Stadtteilen. Der Stadtteil ist anders als die, in denen wir bisher unterwegs waren.
Die Art der Häuser und die weitestgehend schlaglochlosen Strassen lassen vermuten, dass es sich einst um eine bessere Gegend gehandelt haben muss. Der Zerstörungsgrad ist hier stärker als an anderen Orten in Port-au-Prince. Und gefährlicher soll es hier sein. Nach Einbruch der Dunkelheit sollte man die Gegend meiden:  allzu oft wird von Schiessereien berichtet, organisierte Banden und Kriminelle ziehen umher und machen das Leben der friedlichen Haitianer noch mehr zur Hölle, als es für die meisten eh schon ist.
Im Viertel Delmas, in dem ich während der Reise Basis bezogen habe, braucht man sich nachts keine sonderlich großen Sorgen machen.  In der Gegend um den Präsidentenpalast ist die Stimmung am Tag schon eine andere. Die Gesichter der Menschen sind ernster, es wirkt hektischer, es gibt mehr Trümmer hier, die immer noch nicht weggeräumt wurden, um Platz für neue Häuser zu schaffen.

Das Hafengebiet ist von hier nicht weit weg. Auf hektargrossen Arealen befinden sich dort immer noch die größten Flüchtlingscamps Haitis. Organisierte Banden sind auch dort unterwegs – es wird zur Vorsicht geraten. Einge Sektoren in den riesigen Camps sollen gemieden werden.

Durch eines dieser Camps führt ein Fluss. Heute war nur ein kleiner Rinnsal im Flussbett erkennbar. Wenn bald Regenzeit ist hier in Haiti, dann wird sich der Rinnsal in einen reißenden Strom verwandeln, der Müll, Schlamm und Krankheitserreger verteilt.
Frauen wuschen sich und ihre Wäsche, Kinder spielten im Flussbett. Schweine und Huehner suchten in den Massen von Müll nach Futter. Das Flussbett dient als Abwasserkanal, Müllkippe, Wasserquelle & Spielplatz zugleich – der Gestank ist unbeschreiblich.  Während der Geruch kaum auszuhalten ist winkt die Frau, die sich in der stinkenden Kloake wäscht,  mit einem freundlichen Lächeln herüber. Alles ganz normal, so scheint es.

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Während in den letzten Tagen immer wieder über Details des Choleraausbruchs in den Medien berichtet wird fühle ich mich, als könnte ich die Cholera in dem vermüllten Flussbett riechen.
Ich jedoch war freiwillig an diesem Ort – die Frau mit Sicherheit nicht.

Kurze Zeit später machten wir uns auf den Weg. Die Frau stand ebenfalls auf. Wir allerdings gingen zu unserem Auto und verliessen diesen schrecklichen Ort. Die Frau jedoch machte sich auf den Weg in ihre Hütte, in der sie irgendwie versucht zu überleben zwischen Müll, Krankheiten und Kriminellen.

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Haiti. Tag 5

Posted: 8th Mai 2011 by Daniel Lorenz in Uncategorized

Da mich ein Bekannter, der in Haiti für eine deutsche Hilfsorganisation arbeitet, in Port-au-Prince besuchen wollte, versuchte ich in der Lobby des Hotels Montana, in dem ich während meiner Reise übernachte, eine Schlafgelegenheit zu organisieren. So ergab sich ein kurzes Gespräch mit der Tochter des Hauses. Über die Geschwindigkeit beim Wiederaufbau und deutsche Gründlichkeit. Dass nicht alles so schnell geht in Haiti, wie man es zumeist in Deutschland gewohnt ist.
Nach dem Gespräch erinnerte ich mich an verschiedene Zeitungsartikel, die nach dem Erdbeben in der deutschen Presse zu lesen waren. Über die Dramen, die sich hier im Hotel abgespielt haben, als das Erdbeben die Insel erschütterte. Auf der Terasse, auf der ich morgens beim Frühstück den beindruckenden  Blick über Port-au-Prince geniesse, wurde ein 28-jähriger Deutscher erschlagen. Beim Frühstück und wahrscheinlich genoss er genau so den Ausblick – bis die Erde bebte.
Die junge Frau, mit der ich mich in der Lobby unterhalten habe, war zu diesem Zeitpunkt im Hotel und erlebte das ganze Grauen mit.
Eine Zeitzeugin der man wünscht, es nicht zu sein.
Fünf Stockwerke brachen in sich zusammen. Heute kann man den damaligen Luxus nur noch erahnen. Vom Luxushotel sind nur wenige Gebäude erhalten. Auf dem Gelände, auf dem seinerszeit das Haupthaus gestanden hat – ist nun Baustelle. Auch wird die ehemalige Tiefgarage derzeit vom Schutt beräumt. Erst heute wurden wieder zwei neue Fahrzeuge entdeckt.

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Zwei Stockwerke über meinen Hotelzimmer wurde eine Gedenkstätte für die Menschen angelegt, die im Hotel Montana ihren Tod fanden.

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Auch von dem Balkon meines Zimmers sieht man Spuren des Erdbebens: Ein Haus, vermutlich seinerzeit für Bedienstete bestimmt, rutschte vom Hang.

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Nach spannenden Begegnungen, darunter auch Diplomaten und Entscheider von internationalen Hilfsinstitutionen, gönnten wir uns einen abendlichen Ausflug in ein anderes Hotel im Stadtteil Pétion-Ville. Kulturschock. Ein Luxushotel der Spitzenklasse. Steinsäulen, beleuchtete Tennisplätze und eine Poolanlage liessen zum ersten Mal die Idee aufkommen, in der Kribik gelandet zu sein. Port-au-Prince erinnert mich in den letzten Tagen eher an afrikanische Städte wie Kampala oder Nairobi.
Wir hatten uns Karten besorgt für ein Reggae-Festival, um auch die kulturellen Seiten Haitis zu erleben. Die Veranstaltung in der Parkanlage des Hotel Karibe entpuppte sich als Musikveranstaltung für die “oberen Zehntausend”. Aufgestylte Frauen in teuren Klamotten tranken teure Dinks mit Männern, die ebenfalls teuer und schick aussehende Klamotten trugen. Werbeschilder versuchten davon zu überzeugen, dass man unbedingt ein Blackberry besitzen muss – keine Spur mehr von auf Mauern gemalte Werbehinweisen für den lokalen Prepaid-Handy-Betreiber. Luxus überall, wo man nur hinschaute. Musikalisch wurden einem haitianische Superstars wie “Black Fefe” geboten, die selbst bei uns Nicht-Kennern der lokalen Musikszene Begeisterung hervorgerufen haben.

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Regen beendete die Veranstaltung jedoch vorzeitig. Wir durften lernen, dass die Frisuren der haitianischen Frauen keinen Regen vertragen. Auch wurde es den meisten Besuchern bei 27° und leichtem tropischen Sommerregen zu kalt. Da die Frauen ihre Frisuren unter die Dächer der Hotelanlage in SIcherheit brachten und ihre männlichen Begleiter dabei beilfich sein mussten, war das “Festival” für deutsche Verhältnisse schnell vorbei. Ob planmässig oder wegen des Regens, konnte nicht mehr in Erfahrung gebracht werden.

Ein karibischer Abend im Haiti der Reichen.

Haiti. Tag 4

Posted: 5th Mai 2011 by Daniel Lorenz in Uncategorized

Nur wenige haben Arbeit in den Flüchtligscamps und folglich kein Geld. Tausende wohnen auf engstem Raum zusammen. In einem Zelt leben im Durchschnitt fünf Menschen. Zelt reiht sich an Zelt. Nur wenige Latrinen gibt es, sodass an den meisten Plätzen der Gestank von Fäkalien bei über 30 Grad fast unerträglich ist. Brutstätten für Krankheitserreger. Regenwasser verteilt die stinkende Kloake großflächig.

Wenn man schon als Kind lernt, dass man sich vor dem Essen die Hände waschen soll oder zum Geschäftverrichten die Toilette, wundert man sich nicht allzu sehr, dass sich die Cholera hier in Haitis Zeltstädten so einfach ausbreiten kann. Auch ausserhalb der Camps ist es normal, das Geschäft am Strassenrand zu verrichten. Es war halt schon immer so. Hygiene hat kaum Stellenwert. Auch weiss hier nicht jeder, dass man damit eine Grundlage zur Verbreitung von Krankheiten schafft. Internationale Hilfsorganisationen versuchen deshalb den Menschen in den Camps hygienische Mindeststandars zu verinnerlichen. Das dauert, denn Gründe für die Verbreitung von Cholera werden meist woanders gesucht.

So langsam begreift man aber, dass Latrinen sinnvoll sind und man sauberes Trinkwasser nutzen soll. Doch nur mit Aufklärung ist es nicht getan. Heute früh begleitete ich eine Hilfsorganisation, die in einem Camp Seife verteilte. Blauhelme und lokale Polizeieinheiten sorgten für Sicherheit. Lokale Mitarbeiter riefen mit Megafon zur Ordnung, mit Absperrband wurden Wartereihen markiert.
Schnell wurde klar, dass es zu wenige Hilfsgüter für die Menschen in dem Camp gibt. Diejenigen, die keine Seife bekommen haben, wurden sauer. Rückzug war angesagt. Die brasilianischen Blauhelme waren bemüht, dass die Situation nicht eskalierte. Zwar schlagen solche Situationen nicht zwangsläufig in Gewalt um, aber trotzdem verhindert die Anwesenheit von Polizei und Blauhelmen vermutlich Schlimmeres. Alltag in den Flüchtlingscamps.

 

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Ärger und soziale Probleme gibt es ständig in solchen Camps, nicht nur bei Hilfslieferungen, wenn nicht alle bedient werden können. In einem Camp leben nicht selten 5000 Menschen aus unterschiedlichsten sozialen Schichten und Bevölkerungsgruppen. Nach dem Erdbeben sind viele vom Land in die Stadt geflüchtet und hofften auf Hilfe. Sie landeten in einem der unzähligen Camps. Dort trafen sie auf Städter, die kulturellen und sozialen Unterschiede waren groß, Ärger ist bis heute vorprogrammiert. Zum Teil traumatisiert vom Erdbeben, teils unter ständiger Gewalt aufgewachsen. Sozialarbeiter versuchen die Probleme in den Camps unter Kontrolle zu halten. Dies gelingt jedoch nicht immer. Die Polizei wird oft gerufen um die zu verhaften, die rauben, vergewaltigen und prügeln. Alltag in Haitis Hauptstadt.

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Haiti. Tag 3

Posted: 5th Mai 2011 by Daniel Lorenz in Uncategorized

“Stimmt es, dass wir ein Visum bekommen für die USA, Brasilien, Frankreich oder Deutschland, wenn wir in die neuen Übergangshäuser ziehen? Es gibt Leute hier im Camp, die sagen das.”, sagte heute eine Frau in einem der zahlreichen Camps für Erdbebenopfer zu mir.
Einfach raus aus Haiti, das scheint der Wunsch derer zu sein, deren Leben am 12. Januar 2010  in etwas mehr als 30 Sekunden dramatisch verändert wurde. Zuvor gab es bescheidenen Wohlstand. Nach dem Beben nichts mehr. Nur das nackte Leben derer, die nicht getötet wurden. Geschätzte 1,5 Millionen Menschen lebten fortan in Zelten. Mittlerweile spricht man vorsichtig von rund 800.000, die immer noch dort leben und auf Veränderung warten. Unfassbar, wenn man die Umstände sieht, riecht und erlebt. Ich erlebe das nur kurz, die Bewohner der Camps allerdings noch auf unbestimmte Zeit.

“PainPlus” hat nichts mit Schmerzen zu tun, es gilt die frankophone Bedeutung zu nutzen. “PainPlus” ist eine Burger-&Pizzakette, die man in den Strassen Port-au-Prince finden kann. Junge Leute aus der wohlhabenderen Mittelschicht treffen sich dort. Man sieht die Anfang-Zwanziger an Tischen sitzen, die auf Facebook Neuigkeiten berichten, chatten und Unterhaltungen  über die aktuellsten Songs führen. Ein paar Tische weiter sitzen Teenager in Schuluniform, die nach der Schule nach Abwechslung suchen. Mit lauter haitianischer Musik beschalltes Servicepersonal versucht im haitianischen Eiltempo die Bestellungen der Kunden abzuarbeiten. Eine andere Welt. Denn Haiti ist nicht nur arm, wie es uns Medien und Politik gerne erzählen möchten. Es gibt auch normales Leben. Und das obwohl das Land jahrzehnte lang von Diktatoren beherrscht und vom Erdbeben zerstört wurde. Viele hatten kein Glück beides unbeschadet zu überstehen, andere können weiterhin teilnehmen am sogenannten Wohlstand.
Eine halbe Stunde nach diesem Hauch von amerikanisch/europäischen Luxus im Burger-&Pizzatempel “PainPlus” wurde mir im Camp die Visumfrage gestellt.

Diese Frage der Frau war gar nicht mal so unberechtigt, wie sie sich vorerst anhörte: solange man in Zelten lebt, besitzt man formal keinen festen Wohnsitz. Um allerdings ein Visum für Länder wie USA, Brasilien, Frankreich oder Deutschland beantragen zu können, benötigt man einen festen Wohnsitz. Haben die Erdbebenopfer allerdings die Möglichkeit in ein Übergangshaus mit festem Betonsockel und Holzkonstruktionen aus Wänden & Dächern zu ziehen, kann hier in Haiti ein fester Wohnsitz angemeldet werden. Dadurch ergibt sich wenigstens theoretisch die Möglichkeit, ein Visum für eines der Länder beantragen und dem verzweifelten Traum näher sein zu können:

Einfach raus aus Haiti.

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Haiti. Tag 2

Posted: 4th Mai 2011 by Daniel Lorenz in Uncategorized

Bereits nach wenigen Kilometern mussten wir die erste Zwangspause einlegen: ein Reifenwechsel war fällig. Obwohl wir den Hauptrouten der Stadt in Richtung IDP-Camp gefolgt sind waren die Schlaglöcher so tief, dass ein Rad vorzeitig seinen Dienst quittiert hat. Hilfe war aber sofort zur Stelle.
Gehupt und gezetert wird hier gerne in Haiti. Die sonst so verbreitete haitinianische Ruhe und Langsamkeit scheint zu pausieren, sobald der Haitianer ein Fahrzeug besteigt. Da hier auf kreolisch geflucht wird, verstehe ich nicht allzu viel. DIe Flüche und Ausrufe der anderen Verkehrsteilnehmer scheinen recht brisanten Inhalt zu haben: die mitreisende Dolmetscherin verweigert hier und da die Übersetzung mit einem breiten Grinsen – oder übersetzt einen auf der Landessprache ausgerufenen Satz aus gefühlten drei Worten zu einem englischen Text, der mindestens eine halbe DIN A 4-Seite füllen würde, würde man ihn niederschreiben.
Während ich in einem der Camps, in denen Erdbebenopfer noch heute unter einfachsten Bedingungen hausen, mit Dreharbeiten beschäftigt war, ertönten plötzlich etwas ungewöhnliche Klänge aus einiger Entfernung. Ich musste sofort an Leonardo Di Caprio und seine Relingaktion auf diesem unsinkbaren Dampfer denken: das Camp und die umliegenden Wohnhäuser wurden mit dem Titanic-Soundtrack beschallt. Da ich etwas verwirrt umher geschaut haben muss kam auch prompt die Erklärung: Da es kein funktionierendes Wasserleitungsnetz und zu wenige Brunnen gibt, wird Wasser mit großen Tankwagen verteilt. Steht ein solcher LKW am Verteilpunkt, kündigt sich dieser mit dem Song an: Die Leute kommen mit Kanistern und Eimern, um ihren Wasservorrat aufzustocken. Den Titanic-Soundtrack finde ich weitaus schöner, als das laute verzerrte Hahnengeschrei des mobilen Verkaufsstandes für Lebensmittel, der einmal pro Woche in unserer Straße in Berlin sein Eintreffen ankündigt.
Fährt man durch die Straßen Port-au-Prince, erkennt man an fast allen Häusern, die nicht zusammengefallen sind, aber das Erdbeben miterlebt haben, Markierungen.

Copyright Daniel Lorenz

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Mitarbeiter staatlicher Stellen sind nach dem großen Beben durch die Stadt gezogen um die Schäden an Häusern zu begutachten. Rot bedeutet: Unbewohnbar, muss abgerissen werden, Häuser mit gelber Markierung müssen lediglich saniert werden und Häuser mit grüner Markierung haben keine relevanten Schäden davon getragen und können weiterhin genutzt werden.

Mittlerweile soll es auch Bauverordnungen geben, die Bauherren bei ihren Häusern umsetzen müssen. Da es aber keine Kontrollen der lokalen Baubehörden geben soll, bauen doch wieder alle irgendwie. Halt billig wie möglich. Verwendet werden wohl auch gerne alte und bereits genutzte Stahlarmierungen: ein Albtraum für Statiker.